Bitte stets manierlich – Die zauberhafte Welt der Damensattelreiterei
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E s ist für mich mehr als der Traum vieler Mädchen. Es ist für mich mehr als das Gefühl, für kurze Zeit eine Prinzessin zu sein. Es ist für mich ein bedeutender Teil Reitkultur. Es beinhaltet für mich das Aufleben wahrhaft ritterlicher Werte: Das Reiten im Damensattel. In seiner schönsten Form ist es leider heutzutage eine Seltenheit geworden. Nichtsdestotrotz bleibt es in meinen Augen ein wichtiger Meilenstein auf dem Werdegang einer jeden Reiterin.

Begriffe wie Stolz, Anmut und Geschick bekamen für mich eine neue Bedeutung, als ich vor einigen Jahren von dem Team der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg in die Damensattelreiterei eingeführt wurde. Nie werde ich darauffolgende Reitkunstvorführungen im dortigen Reithaus, bei den Höfischen Festspielen in Potsdam oder in den Royal Gardens des Hampton Court Palace in England vergessen. Mittlerweile ist es zwei Jahre her, dass ich mit dem Knabstrupperhengst Boxter aus der schützenden Hand auf den feinen, hellen Kieswegen durch die reich blühenden Londoner Gärten ritt. Es waren wunderschöne Frühlingstage, an die ich seitdem jedes Jahr im April zurückdenke. Kostümiert, im Damensitz, die Zügel in der linken, die hölzerne Gerte in der rechten Hand haltend fühlte ich mich seltsamerweise gar nicht so verkleidet, wie ich möglicherweise aussah. Ein Teil von mir gehörte genau dorthin, auf Boxter, in den Damensattel, in diese Kulisse.

Das Komplettpaket

Auch wenn ich jedem empfehlen würde, im Hier und Jetzt zu leben und diese Praxis ebenso in meinem Leben täglich wieder wähle, so verleiht es dem Ganzen doch um einiges mehr Authentizität, wenn bei einer Präsentation des Damensattelreitens von Kopf bis Fuß und von Schopf bis Huf alles zueinander passt. Wenige Menschen sind noch mit den Finessen des originalgetreuen historischen Reenactment vertraut und gerade an jene sollte man sich halten, um diesem kleinen, aber wichtigen Stück Reiterei seine Bedeutung wiederzugeben. In ein maßgeschneidertes Kleid aus hochwertigsten Stoffen gehüllt und rechts wie links mit Hüftpolstern ausgestattet, wurde ich im Juli 2012 standesgemäß auf den wunderschönen, geschmückten Tigerschecken gehoben, um im Rahmen des Carrousel de Sanssouci einen Ritt im Seitsitz wie zu Zeiten Friedrichs des Großen zu zeigen. Erst wenn alles stimmt, niemand die Wiedergabe der Kultur vergangener Zeiten ins Lächerliche zieht, sondern jeder sich in eine andere Zeit zurückversetzt fühlt, dann springt der Funke über.

 
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Der Sinn angewandter Reitkunst

Wenn wir mit unseren Pferden im Sandkasten so unsere Runden ziehen, Zirkel für Zirkel nach Perfektion streben, einen Galoppsprung nach dem anderen in seiner Qualität beurteilen, dann vergessen wir nur allzu schnell, warum wir das Ganze eigentlich tun. Ja wir wollen ein harmonisches Miteinander, ja, wir wollen feinste Kommunikation und ja, wir wollen unsere Pferde gesund erhalten aber ja, wir brauchen zwischendurch auch jene Momente, in denen sich die ganze akkurate Arbeit auszahlt. Ob dann jeder Tritt sitzt, ist letzten Endes in meinen Augen weniger entscheidend, als die Tatsache, dass man ein gebrauchsfertiges Pferd geschaffen hat. Wer sein Pferd nicht fein an den Hilfen stehen hat, dem wird es schwerfallen, das Tier allein durch einen Gertenzeig um eine bestimmte Bewegung bitten zu können. Dies ist aber nötig, wenn plötzlich im Damensattel sitzend der rechte Schenkel fehlt. Wer sein Pferd nicht einhändig und sozusagen einbeinig durch die verschiedensten Touren führen kann, dem wird es schwerfallen während einer Passage im Damensattel manierlich das Publikum zu grüßen.

 
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Vorbereitung ist alles

Das Pferd durch eine sorgfältige Ausbildung auf den verantwortungsvollen Job eines Damenreitpferdes vorbereitet zu haben, ist Grundvoraussetzung für einen solchen Ritt. Klare Kommunikation und Vertrautheit beider Wesen miteinander schaffen die Basis für die damenhafte Reiterei. Unbedacht sollte mit diesem Teil der Pferdeausbildung allerdings ebenso wenig umgegangen werden wie mit anderen, denn mit dem Reiten im Seitsitz ist nicht zu spaßen. Ganz egal, wie viel Freude es bereitet, bei Missverständnissen können schwere Unfälle passieren. Der benötigte, feste Halt der Oberschenkel um die beiden Hörnchen herum, kann sich durchaus nachteilig auswirken. Aus einem normalen Sattel kann Madame sich in einer Gefahrensituation schneller heraus schwingen, sofern die Füße nicht im Bügel hängenbleiben. Es gilt also, absolut passendes Equipment auf einem ausreichend ausgebildeten Pferd mit einer ausreichend versierten Reiterin zu kombinieren, wenn der Damensattelritt von Erfolg gekrönt sein soll.

Mut und Körpergefühl

Die Natürlichste aller Reiterhilfen, damit meine ich die Verlagerung des eigenen Schwerpunktes, bekommt im Damensattel eine besondere Bedeutung. Während wir im Normalfall gerade ausgerichtet und ausbalanciert mit gleichmäßig verteiltem Gewicht auf dem Pferd sitzen, muss dies im Damensattel aufgrund der sonst drohenden einseitigen Belastung immer wieder hergestellt werden. Bei den ersten Ritten mag dies ein wenig Mut erfordern, denn eine so deutliche verlagernde Gewichtshilfe ist im Herrensitz nicht unbedingt notwendig. Sind beide Beine inkl. Gewicht des Reitrockes allerdings zu einer Seite geschlagen, bedarf es ab und an einem mutigen Umverteilen des Reitergewichts. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass die Reiterin das Gefühl bekommt, in Wohnungsnot zu geraten. Wer allerdings ein ausgeprägtes Gespür für den eigenen Körper, den des Pferdes und für die gemeinsamen Bewegungen entwickelt, der sollte sich auch im Damensattel alsbald zuhause fühlen.

Die Damensattelreiterei hat mich gelehrt, einen jeden Ritt gut vorzubereiten, den Ritt an sich zu feiern und auf einem jeden Pferd eine anständige Figur zu machen. Jedes Pferd und jeder Ritt haben es verdient, zum Bestmöglichen gemacht zu werden. Der Reitkunst zu Ehren zu reiten, das ist sehr rar geworden heutzutage. Sobald ich im Damensattel sitze, ist dieses Gefühl jedoch bei mir präsent. Es daraus auf einen jeden „normalen“ Ritt zu übertragen, macht ebenso großen Spaß.

Ob ihr nun heute seitlich, im Herrensitz oder von mir aus auch rücklings auf euren Pferden sitzt, ich wünsche Euch in jedem Fall einen wunderschönen Tag.

Alles Liebe, Janna

„Sei anmutigen Gemüts, wenn du zu Pferde sitzest, und dein Pferd wird anmutig sein.“
Rudolf G. Binding (1867-1938)

 
Bildrechte: Al Saida Hippopaparazza
 

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