Die unbändige Kraft der Lebensfreude
22. Februar 2016
Bitte stets manierlich – Die zauberhafte Welt der Damensattelreiterei
11. April 2016
 

V or ungefähr fünf Jahren fragte unsere Dozentin Dr. Inga Wolframm meine Kommilitoninnen und mich in einer Vorlesung zur Evolution und Ethologie des Pferdes: „Warum ist ein Pferd vergleichsweise leicht zu domestizieren?“ Wir überlegten und sammelten einige Argumente, aber so ganz zufrieden war Inga noch nicht. Dann fiel mir ein, dass ich vor längerer Zeit ein paar passende Zeilen gelesen hatte und meldete mich mit den Worten:“ Ich glaube, Pferde haben eine gewisse Neugier.“ Inga fragte darauf hin, welches Buch ich gelesen hatte und ich meinte mich zu erinnern, dass Monty Roberts darüber geschrieben hatte. Neugier, einer der entscheidenden Knackpunkte und dadurch also ein hohes Gut – doch was tun, wenn sie nicht mehr präsent ist?

Es ist dieses ganz natürliche Interesse, diese Aufgeschlossenheit gegenüber dem Menschen, das es unserer Art möglich machte, mit Pferden zu arbeiten. Mittlerweile nehmen wir zusätzlich durch züchterische Entscheidungen auf gewünschte Wesenszüge Einfluss. Grundsätzlich aber sollten wir nicht vergessen, dass die ursprüngliche Neugier in den Augen eines Pferdes ein riesiges Geschenk ist, das es zu beschützen gilt. Darauf lässt sich eine komplette, ehrliche Ausbildung bis hin zu den Hohen Schulen oder Zielen jedweder Disziplin aufbauen. Ohne diese allerdings, wird der Weg steinig. Wenn die Ohren des Pferdes nicht mehr gespitzt sind, der Blick weggetreten wirkt, die Interaktion uns schnöde und automatisiert vorkommt, dann haben wir im schlimmsten Fall diese so wertvolle Neugier des Pferdes totgespielt.

Wer hat’s gewusst? Pluvinel!

Und ja, natürlich lässt sich an dieser Stelle wieder einmal der berühmte Reitmeister Antoine de la Baume Pluvinel, seines Zeichens Reitlehrer von Ludwig XIII., zitieren. Seine folgenden Worte sprach er vor rund 400 Jahren aus und dennoch werden sie wohl nie an Gültigkeit verlieren. Stattdessen dienen sie uns Tag für Tag als beispielloser Prüfstein für die Arbeit mit dem eigenen Pferd.

„Wir sollten besorgt sein, das junge Pferd nicht zu verdrießen und ihm seine natürliche Anmut zu erhalten, denn diese gleicht dem Duft einer Blüte, der niemals wiederkehrt, wenn er einmal verflogen ist.“


Nun, aber wie sorgt man sich denn jetzt darum, das Pferd nicht zu verdrießen? Zu allererst sollte wohl verstanden sein, dass ein Pferd nicht zum konsumieren gedacht ist. Ja, wir bezahlen viel Geld dafür und ja, wir brauchen einen Ausgleich zu stressigen Alltagssituationen. Aber nein, unsere Unzulänglichkeiten abseits der Reiterei zu kompensieren, das ist nicht der Job unseres Pferdes. Es ist kein Wunder, dass auch jene Pferde-Modelle mit einer anfangs schier unerschöpflichen Gefallsucht eines Tages die Segel streichen und schwach, lustlos sowie erschöpft aus den Augen schauen. Wer die Kräfte seines Pferdes verbraucht, anstatt sie zu gebrauchen, wer sein Pferd nutzt, um sich zu profilieren, anstatt seiner Fürsorgepflicht in vollem Umfang nachzukommen oder wer sein Pferd rein zum eigenen Entertainment funktionieren lässt, braucht sich nicht wundern, wenn irgendwann der Ofen aus ist.

Stresserkennung und Prävention


Verdruss beginnt bereits mit dem permanenten Zwang sich seinem Gegenüber beweisen zu müssen. Wir sollten wachsam beobachten, warum unser Pferd wie handelt. Ist sein Engagement wirklich freiwillig oder absolviert es seine Lektionen wie ein Angestellter, weil es weiß, dass wir mit dem Training aufhören, wenn das gezeigte Verhalten uns gefällt? Ist beispielsweise dem Pferd, dass sich vor Arbeitseifer überschlägt bewusst, dass es uns, so wie es ist, bereits genug wäre? Ist ihm bewusst, dass wir es um seiner Selbst lieben und nicht aufgrund der vorgeführten Leistungen?


Je nach Dauer der Überbeanspruchung und Pferdetyp unterscheiden sich die Anzeichen für Überforderung und Stress. Es gibt jene, die sich in sich zurückziehen, Reaktionen ausbleiben lassen und im schlimmsten Fall langsam, aber sicher stark einschränkende Krankheitsbilder entwickeln. Andere gehen nach vorne, heraus aus der Situation. Sie zeigen, wenn noch Kraft vorhanden, offen ihre Wut und Verdrossenheit. Nicht selten werden sie zu sogenannten „Problempferden“. In welcher Form auch immer: Fest steht, dass diese enttäuschten Pferde eines Tages gelernt haben, dass der Mensch, der sie zu Beginn so interessierte, sie offenbar nicht richtig versteht oder leider nicht richtig auf sie eingeht. Aus ursprünglicher wertvoller Zugewandtheit wird Aversion und Gleichgültigkeit. Dies kann sich bis zu dem Punkt zuspitzen, an dem dem Tier sogar die eigenen Empfindungen egal zu sein scheinen. Es gibt sich der anhaltenden Überforderung und Aussichtslosigkeit geschlagen, igelt sich und seine Gefühle ein, trägt eine Maske. Echte Pausen, echte Anerkennung und echten Respekt vor uns entgegengebrachter körperlicher und psychischer Leistung sind wir alle unseren Pferden schuldig. Anderenfalls geben wir unbeabsichtigt den Anstoß zu Depression und Rückzug.

Der „ambitionierte Freizeitreiter“


Man mag denken, dass sich diese Zeilen allein auf schlecht ausgeübte Sportreiterei beziehen lassen, in der großartige Wesen aus Prestige- und Kommerzgründen verschlissen werden. Jene Branche ist jedoch keinesfalls die einzige, in der ausgebrannte Pferde anzutreffen sind. Der vor einigen Jahren geprägte Begriff des „ambitionierten Freizeitreiters“ enthält eben genau das: Ambition. Grundsätzlich nichts Schlechtes, besonders nützlich sogar, sofern sie in Kombination mit Selbstdisziplin anzutreffen ist. Schädlich allerdings, wenn besagte Selbstdisziplin und ein Schuss Weitsicht fehlen. Dann verstecken sich nicht selten hinter Aussagen wie „Nein, nein, der wird nur freizeitmäßig geritten. Der soll ja keine Turniere gehen…“ eigentlich Aussagen wie „Der soll um ehrlich zu sein, eine Show nach der anderen laufen, mit mir von einer Messe zur nächsten tingeln und dafür sorgen, dass mich alle kennen.“ In jedem Segment der Reiterei sind jene zu finden, die sorgsam mit den Ihnen anvertrauten Lebewesen umgehen, und jene, die dies noch lernen wollen. Eine Überbeanspruchung ist nicht nur etwas, das von Profis erzeugt wird. Auch ganz normale Pferdebesitzer können durchaus durch zu hohe Erwartungen, zu häufige Wiederholungen oder ein fehlendes Konzept, ihr Tier verdrießlich machen.

Die heutige Chance nutzen


Das Unglaubliche an Pferden ist, dass sie sich trotz der Tatsache, dass sie ausgenutzt werden, häufig noch weiterhin guten Willens in die gemeinsame Zeit einbringen. Jeder neue Tag signalisiert für sie eine neue Chance auf Besserung. Dies ist der Punkt an dem anzusetzen ist, wenn man es tatsächlich mit einem ausgebrannten Pferd ohne Elan und Vision zu tun hat. Das Tier bietet uns an jedem Tag die Möglichkeit, einen respektvolleren Weg des Wiederaufbaus einzuschlagen. Stück für Stück können so ein ausgelaugter Körper und ein erschöpfter Geist zu heilen beginnen. „Sieh‘ hinein in die Augen deines Pferdes, aber erschrecke nicht vor der Wahrheit“, sagte Bent Branderup einmal. Nehmen wir uns also Zeit zum In-die-Augen-schauen. Nehmen wir uns Zeit, zu signalisieren, dass wir heute keine Leistung erwarten, sondern uns rein nach dem Befinden des Tieres erkundigen wollen. Wie viel mehr ist der Blick in zufriedene, interessierte Pferdeaugen wohl wert, wenn man weiß, wie viel weniger lebhaft er stattdessen sein könnte? Wie viel stolzer ist man auf seine Arbeit, wenn man erkennt, dass man das Tier nicht dazu gebracht hat, etwas für einen zu tun, sondern, dass das Training dem Pferd Lust auf mehr Training gemacht hat? Wie viel mehr ist eine Übung wert, wenn man spürt, dass das Pferd sie nicht für uns absolviert hat, sondern weil es selber Freude daran findet?


Ich wünsche Euch unheimlich erfüllende Blicke in die Augen Eurer Pferde.

Alles Liebe, Janna

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.