Bis irgendwann nur noch der Kopf reitet…
31. Dezember 2014
Hallo, ich bin der Neue!
20. Januar 2015
 

„Bitte melden“ hieß es in der SMS von Marius. Schlagartig wusste ich, worum es ging. Ich wählte seine Nummer, um mich nach Fionas Zustand zu erkundigen. „Sie liegt wieder. Es sieht nicht so aus, als würde sie es diesmal schaffen.“ Der Tierarzt war bereits gerufen und untersuchte meine 37-Jahre alte Stute umsichtig. Währenddessen eilte ich ins Büro des Geschäftsführers und bat darum, nach Hause fahren zu dürfen. Ich musste ihm versprechen, vorsichtig zu fahren und die Nerven zu behalten. Ein paar Minuten später saß ich im Auto. Die Strecke nach Hause kam mir länger vor als sonst. Langsam fahrende Baufahrzeuge stellten meine Geduld auf eine harte Probe. Mit meinen Gedanken war ich nur bei Fiona und hoffte inständig, sie möge auf mich warten. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie sterben würde, ohne dass ich mich von ihr verabschieden könnte.

Im vergangenen Monat hatte sich ihr Verhalten geändert. Ihre Schritte waren noch wackeliger geworden, ihr Gang langsamer. Tagsüber legte sie sich auf dem Paddock hin, um ihre Beine zu entlasten. Trotz des hohen Alters war sie erstaunlich wach und robust. Wann immer sie meine Schritte oder Stimme vernahm, entfuhr ihr ein heiseres Wiehern. So sehr freute sie sich über die Gesellschaft und über den täglichen Brei. Heucobs, Maiscobs, Rübenschnitzel, Luzerne was hatte ich nicht alles probiert, um sie zum Zunehmen zu bewegen. Vor etwa einem halben Jahr hatte ich erkannt, dass ihr Futterzustand sich nicht mehr großartig verbessern würde. Und dennoch schien sie zufrieden und willens, weiter zu leben.

Als ich auf den Hof fuhr, sah ich sie von weitem bereits flach auf der Wiese liegen. Die Mädchen hatten sich um sie gekümmert, hatten das alte Pferd in mehrere Decken gewickelt und Wasser bereitgestellt. Ich stapfte schnellen Schrittes auf sie zu. Nein, dachte ich, so schwach möchte Fiona nicht sein. Immer wieder versuchte sie, sich aufzurichten, holte Schwung und doch hatte sie zu wenig Kraft, ihre Beine unter sich zu sortieren. Merklich geschwächt sank sie jedes Mal ins Gras zurück. Als die Mädchen mich sahen, gingen sie stumm davon. Ich nahm Fionas Kopf in meine Arme und sprach zu ihr. Ich bedankte mich für all die gemeinsamen Stunden, wollte ihr die Angst nehmen, vor dem was in den nächsten Minuten kommen würde. Aber eigentlich beruhigte ich nur meinen eigenen Herzschlag, da ich nun wusste, sie würde nicht ohne mich gehen. Ihr Blick war wach, aber ihr alter Körper schwach. Das Herz machte merklich Schwierigkeiten. Ich schmuste mit ihr bis ich zur Ruhe gekommen und mir sicher war, dass der Zeitpunkt gekommen war.

Länger, als ich es mir je hätte wünschen können, hatte diese Stute mich begleitet. Aus einem ungeduldigen, weniger zuverlässigen und hyperaktiven Teenager hatte ihr Zutun eine erwachsene Frau gemacht inkl. fundierter Meinung und persönlichem Profil. Fiona hatte mir mehr beigebracht als so mancher Mensch. Grundsätzlich hatte sie mir nie einen Grund gegeben, aggressiv zu werden, sondern mich mit ihrem ruhigen, tiefen Blick immer zur Kontrolle meines Geistes angerufen. Mein halbes Leben lang war sie meine ständige Begleiterin gewesen. Nie hatte sie mir übel genommen, dass ich verschiedenste Methoden, Equipment oder Reitweisen ausprobiert hatte. Alles hatte sie geduldet und mir auf ihre ehrliche Art und Weise zu verstehen gegeben, was ihr gut tat und was nicht.

In diesem Moment wusste ich, dass das letzte Sandkorn in unserer gemeinsamen Sanduhr bald fallen würde und doch fürchteten wir uns nicht. Wir hatten so viele spannende, lustige, traurige, großartige Momente gemeinsam erlebt, dass uns nichts voneinander trennen würde. Mit einem Blick in Fionas müde Augen war mir klar, dass es für mich nie wieder ein solches Pferd geben würde. Ihr Beisein hat mein Leben so geprägt, dass ich dank ihr weiß, wonach ich mit anderen Pferden suchen werde. Sie ermahnte mich, nicht aufzuhören. Ich soll weiter reiten, schien Fiona mir zu sagen. Und außerdem hätte ich nie etwas verkehrt gemacht, es höchstens ab und an nicht besser gewusst. Sie war eine so geduldige Lehrerin. Bis zum Schluss.

Durchgehalten hat Fiona die letzten Jahre nur für mich. Sich am Leben gehalten, um mich in Zeiten großer Einsamkeit und Unsicherheit nicht alleine zu lassen. Meiner kleinen Hündin Reme hatte sie Teile ihrer Kraft geschenkt, um Krankheiten überwältigen zu können. Sie hatte mir so viele Lasten abgenommen, wenn ich an Enttäuschungen oder Verlusten depressiv zu werden drohte. Von meinem zwölften Lebensjahr an hatte Fiona mir täglich schöne Stunden bereitet. War ich verärgert, stur oder durch den Wind, hatte ich nach einem jeden Besuch bei ihr wieder den Boden unter meinen Füßen gefunden. Als ich neben ihr kniend ihren Kopf an mich drückte, verstand ich, dass nun die Zeit gekommen war, in der ich alleine zurecht kommen musste.

Mit dieser Gewissheit rief ich Herrn Dr. Neuberg, der diskret an seinem Wagen gewartet hatte. Er kam zu uns und erklärte mir was er gleich machen würde. Seine Stimme schien von weit weg zu kommen. Gedankenversunken nickte ich ihm zu. Ich vertraute ihm komplett und war mir sicher, dass Fiona sich nicht wehren würde. Warum sollte sie auch, wie waren beieinander, nicht allein und hatten lange gewusst, dass es eines Tages soweit sein würde. Schaurige Geschichten hatte man mir zuvor erzählt. Von Pferden, die sich in einen letzten Todeskampf steigerten, sich mit den letzten Kraftreserven gegen die Euthanasie wehrten. Man solle das Tier lieber zum Schlachter bringen, da ginge es schneller. Solche Ausführungen trafen bei mir nur auf Unverständnis. Für mich stand immer außer Frage, dass ich für Fiona Zeit ihres Lebens verantwortlich war.

Niemand würde mir den letzten Gang mit ihr abnehmen. Und außerdem wollte ich dies niemandem gewähren. Schließlich war sie einzig mein Pferd. Sie hatte das Recht, bei mir zu sein, solange sie es für richtig hielt. Nie habe ich daran gezweifelt, ihren Zustand nicht richtig interpretieren zu können und sie zu früh oder zu spät loszulassen. Ersteres grenzt für mich an Mord. Wie kann man sich anmaßen, darüber zu entscheiden, dass ein Tier jetzt sterben soll? Wer die Verbundenheit zweier Seelen einmal gespürt hat, käme nie auf den Gedanken, ein Tier einschläfern zu lassen, ohne dass die Entscheidung auch von jenem getragen wird. In unserem Fall gab es keinen Zweifel, weder für Fiona noch für mich. Wir entschieden stillschweigend, die kommenden Minuten ganz nah beieinander zu sein.

Als Herr Dr. Neuberg die erste Spritze setzte, ging ich im Kopf all unsere gemeinsamen Erlebnisse durch. Wie ich mich gefreut hatte, als meine Mutter damals vom Hundespaziergang heimkam und mir mitteilte, sie habe mir aus Mitleid diesem einsamen, abgemagerten Schlachttier gegenüber ein Pferd gekauft. Wie ich aufgeregt weinte, als ich erfuhr, dass Fiona mit einer Reitbeteiligung einen Unfall gehabt hatte. Wie ich im Alter von 14 Jahren kurzentschlossen meinen Sattel verkaufte, weil ich der Meinung war, er täte dem Pferd weh. Wie ich mit Fiona im Selbstversuch die Techniken von Monty Roberts Join-Up ausprobierte. Wie ich mich heute noch darüber ärgere, dass niemand unsere Halsring-Kür mit einer Kamera aufgenommen hatte. Wie ich mein Studium der Tiermedizin in Hannover abbrach, unter anderem weil ich es nicht aushielt, nicht bei meiner Stute zu sein. Wie ich mit der über 30-jährigen Fiona nach Dortmund umgezogen war, um während eines Praktikums meine Berufung zu finden.

Tausendfach bedankte ich mich bei ihr für all diese Momente, streichelte sie unermüdlich und weinte stille Tränen. Fionas Kopf wurde immer schwerer. Als er in meinen Schoß sank, drehten wir sie behutsam auf die Seite. Ganz flach lag sie dort auf der Wiese, ich ganz dicht an ihrer Seite. Mit meinen Finger fuhr ich den Wirbel auf ihrer Stirn entlang, fühlte ihr weiches, flauschiges Fell am Hals und strich ihr sanft über ihre wunderschönen, großen, braunen Augen. Mit keinem Anzeichen wehrte die alte Stute sich gegen das, was geschah. Stattdessen beruhigte sich ihr Atem, bis sie noch einmal ganz tief einatmete und friedlich schnaubte. Die Reaktionen ihrer Augen wurden langsamer. In das ganze Pferd und auch in mich schien eine unheimliche Ruhe einzukehren. Für meine Umwelt hatte ich keine Beachtung übrig. Mein Fokus galt ganz und gar Fiona. So herzzerreißend diese Minuten auch sein mochten, ich wusste, es war das einzig Richtige. Es war in Ordnung so. Es war so, wie wir es uns immer gewünscht hatten, sofern man sich so etwas wünschen kann. Es gab keine Qual, keine Unruhe und keinen Widerstand – ganz im Gegenteil. Mein Pferd atmete ruhig und still, meine Finger fuhren langsam mit dem Strich ihrer Haare entlang der Konturen ihrer Blesse. Obwohl ich gerührter nicht hätte sein können, staunte ich stumm, als kurz bevor Fionas Augen sich trübten, eine einzelne Träne sich in ihrem rechten Auge sammelte und stumm ihr Fell herunterlief. Bis zum Schluss hatte doch irgendetwas in mir noch gedacht, Pferde teilten unsere Gefühle nicht. Wie dumm. Ein schöneres, ergreifenderes und deutlicheres Zeichen, das ich damit falsch lag, hätte Fiona mir nicht bescheren können.

37 Jahre lang hatte ihr Herz geschlagen. Jetzt stand es still. Nie habe ich ein vergleichbar starkes Pferd kennengelernt. So lebhaft und doch bestimmt in seinem Verhalten. Gleichermaßen lehrend wie vergebend. Tief in meinem Herzen trage ich unsere Zeit mit mir. Als Fionas Augen brachen, das Leben aus ihrer Hülle wich, schaute ich zu den Bäumen am Horizont und sah, wie der Mond sich langsam und blass über ihnen hebte. Die ganze Nacht sollte er hell in mein Zimmer strahlen. Ich weiß, Fiona hat ihren Platz gefunden und wir werden uns eines Tages wiedersehen.

„So close, no matter how far
Couldn’t be much more from the heart
Forever trust in who we are
And nothing else matters

Never opened myself this way
Life is ours, we live it our way
All these words, I don’t just say
And nothing else matters

Trust I seek and I find in you
Every day for us something new
Open mind for a different view
And nothing else matters“

(Metallica)

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