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H ast du schon einmal bedingungslos geliebt? Wurdest du schon einmal bedingungslos geliebt? Liebst du auch zurzeit bedingungslos? Deine Mitmenschen, deine Tiere, dein Leben? Eine Liebe, eine Partnerschaft kann viele Gesichter haben. Jeder von uns hat seine eigene Interpretation einer perfekten Partnerschaft. Wir leben diese Interpretation im Umgang mit Mensch und Tier. Wir haben Ideale, an denen wir uns orientieren. Nicht selten wurden dieses geprägt von Momenten, in denen unsere Pferde uns etwas lehrten. Momente, in denen sie uns weiterentwickelten. Alles, was wir dafür tun mussten, war hinzuhören.

Es gibt Muster, die ziehen sich durch all unser Handeln, durch unseren Alltag, ja sogar durch die Dekaden unseres Lebens wie ein roter Faden. Spiegelbilder, die immer wiederkehren und Strategien, die wir jahrzehntelang erfolgreich zu verwenden meinen. Unsere vierbeinigen Partner durchschauen diese augenblicklich und weisen uns, ein jeder auf seine Weise, ohne Umschweife daraufhin. Als Beispiel könnte man ins Feld führen, dass einige von uns Schwierigkeiten haben, anderen Grenzen zu setzen, oder aber auch, dass andere von uns 1001 verschiedene Dinge anfangen und mindestens 500 davon nicht richtig zu Ende führen. Unklarheit, Vermeidung oder Wankelmut sind Begriffe, um solche Verhaltensweisen zu betiteln. Verhaltensweisen, die unsere Pferde geradewegs aufdecken.

Partner auf vier Beinen

Der Umgang mit Pferden macht uns bekannt mit unseren Stärken und Schwächen. Das geliebte Tier macht es dem Menschen manchmal leichter als seine Mitmenschen, sich insbesondere mit den eigenen Schwächen auseinanderzusetzen. Möglicherweise lieben wir es daher so sehr. Häufig ist die Reaktion eines Pferdes auf ein nachlässiges Verhalten unsererseits zwar eindeutig, aber dennoch charmant und großherzig. Einzig, wenn in der Interaktion mit dem Pferd die Emotionen unsererseits hochkochen und wir uns von dem Bild des loyalen Partners entfernen, der wir in aller Entspanntheit sonst für das Pferd sind, wird die Lage problematisch. Das Pferd erspürt den Zwiespalt in unserem Tun, spürt unsere Unsicherheit, unseren Mangel an Konzentration und unsere Zweifel. Daher scheut es sich, sich dem flatterhaften Menschen dennoch anzuschließen, was auch immer dieser gerade von ihm verlangt.

Ein gutes Ausbildungskonzept schult daher das Pferd und den Menschen in gleichem Maße. Es schult den Menschen, mit seiner selbst versiert umgehen zu können, schult sowohl seinen Blick für das Wesentliche als auch fürs Detail. Wir werden in der Pferdeausbildung dazu angehalten, nachzudenken, uns geistig und körperlich zu formen und neue Dinge auszuprobieren, wenn wir ein Interesse an einer aufrichtigen Partnerschaft haben. Nicht selten ist dies gepaart mit der teils erschreckenden Erkenntnis, dass wir besser schon viel eher auf bestimmte Unstimmigkeiten in unserem Tun hätten stoßen sollen. Weil es im Umgang mit Pferden keinen unbewachten Hinterausgang gibt, lernen wir, dass es nicht allein reicht, unangebrachte Gewohnheiten zu erkennen, sondern, dass die positive Veränderung erst in Kraft tritt, wenn jene durch neue, ehrliche Verhaltensweisen vollständig ersetzt werden.

Partner auf zwei Beinen

Überträgt man die Erfahrungen aus der täglichen Arbeit mit Tieren auf unsere menschlichen Partnerschaften, wird schnell eines deutlich: Bei dem Tier wissen wir um die Bedeutung der täglichen Arbeit an uns selbst und unserer Verbindung zueinander. Wir nehmen uns aus eben diesem Grund täglich mehrere Stunden Zeit dafür, investieren in unsere Ausbildung, lassen uns beraten oder lesen uns bei Fragen schlau. Bei dem menschlichen Partner sind wir uns dieser Dringlichkeit häufig gar nicht (mehr) bewusst. Wenn es nicht zufällig bereits so gekommen ist, erwarten wir förmlich, dass wir eines schönen Tages auf Mr. beziehungsweise Mrs. Right treffen und dann alle nervigen Querelen der Vergangenheit von jetzt auf gleich und für alle Zeit ein Ende haben. Schließlich hat man uns beigebracht, man solle sich nicht verbiegen, um jemand anderem zu gefallen. Auf jeden Topf passe ein Deckelchen et cetera pp. Dass eine jede Beziehung, wie eben die zu unserem Pferd, aber durch Dynamik, Abwechslung und Veränderung stetig verbessert und intensiviert wird, wird in Mensch-Mensch-Partnerschaften gerne erfolgreich verdrängt. Nicht jeder von uns investiert die gleiche Mühe in das Entwickeln einer harmonischen Liebesbeziehung wie in das Entwickeln der Partnerschaft zu seinem Pferd. Und ja, liebe Damen, unsere Männer haben daher ab und an allen Grund, gemeinsame Zeit so ganz ohne Gewieher im Hintergrund einzufordern.

Was passiert, wenn man sich die Zeit nimmt, in Ruhe über die Parallelen und Unterschiede der eigenen Beziehungen zu Mensch und Pferd nachzudenken? Hoppla, auf einmal wird einem bewusst, das unschöne Verhaltensmuster zwar in der Arbeit mit Pferden zweifelsohne enttarnt werden, aber überall in unseren Beziehungen zu unseren Mitmenschen ebenso zu finden sind. Häufig in Beziehungen zu eben jenen, die wir am meisten lieben. Spätestens jetzt wird uns richtig mulmig. Wir hinterfragen beispielsweise, ob es vielleicht unsere bisherige Ungeduld war, die uns dazu veranlasste, einen passenden Partner frühzeitig ziehen zu lassen. Oder wir hinterfragen, ob es unser Mangel an Durchsetzungsvermögen ist, der unseren Partner immer wieder dazu veranlasst, unsere Grenzen zu überschreiten. Wir reflektieren, ob es fremde Glaubenssätze sind, die unser Handeln in Liebesbeziehungen prägen oder ob es wirklich unsere ureigenen Prinzipien sind, zu denen wir aufgrund persönlicher Erkenntnisse gelangt sind.

Vom Geben und Nehmen

Es ist nicht zu unterschätzen, wie ein jeder von uns allein mit der Erwartungshaltung dem eigenen Partner gegenüber Einfluss nimmt auf dessen Vorstellung einer harmonischen Beziehung miteinander und damit auch auf sein Verhalten uns gegenüber. Menschen, die uns aufrichtig mögen, akzeptieren uns, so wie wir sind. Uns zuliebe sehen sie über Dinge hinweg, denn wir sind ihnen dazu Anlass genug. Unsere Pferde zeigen ein ähnliches Verhalten. Dass es ihrem individuellen Wesenskern manchmal nicht hundertprozentig entspricht, sieht man an ihren Augen. Sowohl Pferde als auch Mitmenschen stecken zurück, machen sich kleiner als sie sind und entfernen sich um des lieben Friedens willen ein stückweit von ihrer Natur. Und das, obwohl wir ihre Bereitschaft, auf uns einzugehen manchmal nicht zu schätzen wissen. An wem wäre es nun wohl, eine Veränderung in der Beziehung einzuleiten? Ja richtig, an uns.

Zu erkennen, dass uns sowohl der tierische als auch der menschliche Partner in einigen Punkten haushoch überlegen sein mag, ist nicht immer angenehm. Anstatt dankbar für diese Erkenntnis zu sein und es als Anlass zur Arbeit an sich selbst zu nehmen, verfallen wir Menschen häufig in Missgunst und Konkurrenzdenken. Dies sogar in der eigenen Partnerschaft. Sich dem Führungsanspruch des Pferdes ab und an einmal aus echtem Vertrauen heraus unterzuordnen, fällt vielen Zweibeinern nicht leicht. Solche Situationen werden meist im Voraus erfolgreich vermieden, indem man es schlichtweg nicht zur Konfrontation kommen lässt. Möchte man es ein wenig ketzerisch ausdrücken, könnte man diese Vermeidungsstrategie fast ein wenig feige nennen. Der Glaube an den Fortbestand der Verbindung muss sich oft der Sorge um ihren Abbruch unterordnen. Kurzsichtiger noch in der Mensch-Mensch-Beziehung: Dem Führungsanspruch unseres Partners ordnen wir uns manchmal rein aus Prinzip nicht unter und damit sind wir wieder bei den eingangs erwähnten Mustern. Warum wohl können so viele Menschen ihren Tieren gegenüber so viel echte Zuneigung zeigen, ihren Mitmenschen gegenüber aber weniger?

Ehrlichkeit ist verehrenswert

Nicht selten kommt es vor, dass wir in unseren Liebesbeziehungen zwar ungemein souverän und unabhängig tun, unseren Partner aber letzen Endes doch ungern sein eigenes Ding machen lassen. Sein Weg könnte ihn oder sie von uns wegführen. Die Furcht davor ist größer als das Vertrauen auf die Stärke der Verbindung. Wir kontrollieren des Partners Handeln oder sein Netzwerk, um sicherzustellen, dass keine Verbindung so stark ist, wie jene zwischen uns und wehe, wenn dem so ist. Dann bekommen wir es mit der Angst zu tun und schwups, verlieren wir das restliche Vertrauen und geben uns den theatralischen Szenarien unseres Kopfkinos hin. Wem hilft das? Der Beziehung als solches bestimmt nicht. Was fehlt? Der Blick fürs Wesentliche, die Klarheit, die Authentizität und der Glaube an das, was man bereits zusammen geschafft hat. Und wer lehrt uns das Tag für Tag? Richtig, das Pferd.

Ob Partner auf vier Hufen oder auf zwei Beinen, wichtig scheint doch letzten Endes zu sein, dass jede Partei sich vollwertig fühlt. Dass wir mit keinem Partner eine Handelsbeziehung á la „Ich hab dich nur lieb, wenn du schön brav zu mir bist und dann kriegst du sogar ein Möhrchen“ führen. Wir sollten vielleicht lieber danach streben, dass jeder sich seinem vollen Potenzial entsprechend entwickeln kann und wertschätzt, an wessen Seite eben dies möglich ist.

Fotorechte: Andreas Thomsen
Ausstattung: Zaum und Zeugs

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