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M anche Dinge überdauern die Zeit. Dies lehrt uns die Natur, wenn wir nur mit offenen Augen durchs Leben gehen. So fand meine Mutter im vergangenen Sommer während eines Strandspaziergangs bei Kiel diesen seltsam geformten Stein. Bei näherem Hinsehen kam sogleich der Verdacht auf, es könne sich um einen versteinerten Pferdezahn handeln. Tatsächlich wurde diese Vermutung kurz darauf durch die Biologin und Paläontologin Dr. Sandra Engels bestätigt. Im Interview erzählt sie uns mehr über steinalte Strandfunde.

EQUInspiration: Woran kann man erkennen, dass dieser Strandfund ein Pferdezahn ist?

Dr. Sandra Engels: Ein Hinweis ist die stark längliche Form des Zahns. Pferde haben sogenannte hochkronige Zähne, die eine verlängerte Krone aufweisen. Noch wichtiger für die Bestimmung ist jedoch die Kaufläche. Sie besteht bei diesem Fossil und auch noch bei heutigen Pferden aus erhabenen Zahnschmelzbändern (im Fossil die dunkle Struktur, beim Zahn des modernen Pferdes die helle), gefüllt mit Dentin und umgeben von Zahnzement. Diese Strukturen ziehen sich durch die Länge des gesamten Zahns. So wird bei kontinuierlicher Abnutzung gewährleistet, dass die Kauffläche immer gleich effizient bleibt. Dieser Zahnaufbau ist überlebenswichtig für grasfressende Pferde, da diese Nahrung sehr stark abnutzend ist. Besonders das Muster der Schmelzbänder ist charakteristisch.

 

EQUInspiration: Zusätzlich zu der Versteinerung haben wir hier einen Zahn meiner ersten Stute vorliegen, den sie im hohen Alter verlor. Welche Informationen enthält ein solcher Strandfund im Vergleich dazu für Experten wie Dich?

Dr. Sandra Engels: Zum Einen kann man anhand der Kaufläche erkennen, dass es sich bei dem fossilen Zahn um einen rechten oberen Backenzahn handelt. Die genauere Position ist bei isolierten Zähnen von Pferden jedoch kaum zu bestimmen. Das liegt daran, dass bei Pferden alle Backenzähne morphologisch sehr ähnlich sind, um die harte Grasnahrung über die gesamte Backenzahnreihe möglichst effizient zu zerkleinern. Bei dem modernen Vergleichsstück handelt es sich hingegen um einen linken Unterkieferzahn. Das Schmelzbandmuster ist heutigen Pferden sehr ähnlich.

Andere hochkronige Vorfahren unserer modernen Pferde haben zwar eine auf den ersten Blick ähnliche Bezahnung, lassen sich jedoch durch die unterschiedlichen Schmelzbandmuster gut unterscheiden. Das Muster und der Fundort geben uns also Hinweise darauf, dass es sich um ein – im paläontologischen Sinne – junges, wahrscheinlich eiszeitliches Pferd handelt. Auch das Individualalter des Pferdes war nicht sehr alt, da es sich um einen noch recht langen Zahn handelt – mit dem Alter nutzen sich die Zähne ab und die Krone verkürzt sich dementsprechend.

 

EQUInspiration:In welchen Gebieten Europas hat man die größten Chancen, ähnliche kleine Schätze zu finden?

Dr. Sandra Engels: Fossilien sind häufiger, als man wahrscheinlich denken würde. Je nach Fundort lassen sich diese einer Zeitspanne zuordnen. An der europäischen Nordseeküste kann man zum Beispiel eiszeitliche Funde wie diesen Pferdezahn machen. In der Schwäbischen Alb findet man Fossilien von Meerestieren aus dem Jura – einer Zeit in der die Säuger noch seltene, kleine mausähnliche Tiere waren. Die Grube Messel bei Darmstadt ist weltberühmt für Fossilien aus dem Eozän (z.B. stammen die berühmten „Urpferdchen“ von hier) und im Neandertal gibt es Fossilien menschlicher Vorfahren. Natürlich sind nicht alle Fundstätten frei zugänglich und die Fossilien dürfen nicht selbstverständlich mitgenommen werden – dies ist besonders wichtig zu beachten, denn sonst wären eventuell bedeutende Fundstücke für die Forschung verloren! Eine gefundener Pferdezahn vom Kieler Strand oder ein Ammonit aus der Schwäbischen Alb kann darf jedoch im Regelfall als Erinnerung mit nach Hause genommen werden.

 

EQUInspiration:Vielen Dank, liebe Sandra, für das Interview!

Dr. Sandra Engels ist Diplom Biologin und Paläontologin und hat über die Evolution früher Pferdezähne promoviert, sowie als Zahnspezialistin in der Forschung gearbeitet. Derzeit bildet sie sich als Pferdeosteopathin fort und ist zudem aktive Reiterin, die sich der klassischen Dressur verschrieben hat.

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