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Das ausgebrannte Pferd
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U nter uns gibt es viele, für die Stillstand schwer zu ertragen ist. Getrieben von Fleiß, Neugierde und vielleicht auch Ehrgeiz, muss in ihren Leben kontinuierlich ein Schritt vor den anderen gesetzt werden. Im Idealfall werden Umwege dabei ausgespart und Effizienz wird sowieso ganz großgeschrieben. Mir geht es um ehrlich zu sein oft nicht anders. Der innere Drive kann Gold wert sein, denn er spornt uns zu Leistungen an, an denen andere Menschen von vorneherein gar kein Interesse zeigen. Er lässt uns fokussiert, diszipliniert und stark werden. Wir ziehen durch, auch wenn wir über Hürden laufen. Wir arbeiten lösungsorientiert und verschwenden keine Zeit.

Die Gefahr dabei ist folgende: Auf der Überholspur bekommt man wenig von der schönen Natur neben der Autobahn mit. Man übersieht die Greifvögel am Straßenrand und den Sonnenaufgang zur Rechten, weil man den Blick konzentriert entweder nach vorne richtet, um bei hohem Tempo noch Spur zu halten oder den Verfolger im Rückspiegel beurteilt. Fährt man an dem Raststättenschild vorbei, evaluiert das Hirn kurz und knackig, ob diese Pause wirklich nötig ist. In den engen Zeitplan passt sie schließlich eh nicht.

Dabei sind Momente der Pause, des Ankommens und des Aufladens so ungemein wichtig. Auf dem Weg dahin hat man nicht nur die schöne Natur abseits der Strecke übersehen, sondern auch die eigene Erschöpfung. Während der Pause wird klar, dass man für das Leben auf der Überholspur auf vieles verzichtet, unter anderem nicht selten auf kleine und große Freuden. Es lohnt sich, den Blick abschweifen zu lassen. Um uns herum passieren nicht nur Dinge, die für unser Thema nicht weiter wichtig sind und daher getrost übersehen werden können, sondern auch schlichtweg so viele lustige Sachen. Sie alle entgingen uns.

Joyful, Joyful

Dabei scheint sie mir als einer der stärksten Verstärker, die wir haben: unsere ureigene, reine Freude. Wer Lebensfreude zeigt, scheint quasi geboosted durchs Leben zu gehen. Es scheint in etwa so, als habe man ihn oder sie an einen Extra-Akku angeschlossen, seine oder ihre Lautstärke aufgedreht, seine oder ihre Selbstwirksamkeit auf faszinierende Art und Weise optimiert. Und das Beste daran: Es ist ansteckend. Wer die Freude in sich findet, wird zum Multiplikator und ist anderen der beste Lehrer.

Ein Beispiel dafür, wie schwierig dies allerdings sein kann, bietet eine der Reitstunden, die ich vergangene Woche gab. Rein inhaltlich bearbeiteten wir keine neuen Themen, sondern feilten an dem, was sich als noch feiner auszuarbeiten anbot. Die sonst häufig abgelenkte Stute zeigte sich in dieser Einheit vergleichsweise konzentriert und ungewohnt aufgeschlossen gegenüber den Reiterhilfen. Sie gab sich extreme Mühe, die Anweisungen trotz verschiedenster körperlicher Einschränkungen und verschiedenster Umweltreize zur Zufriedenheit ihrer Reiterin umzusetzen. Es entstanden sehr schöne Momente, in denen ich als Trainerin weiche, runde, einheitlich schwingende Bewegung sah. Kurz um: Ich war nach der Einheit begeistert, wie gut, die Schülerin geritten war und wie konzentriert ihre Stute mitgearbeitet hatte.

Durch andere Augen

Im Gesicht meiner Schülerin war nicht die gleiche Freude zu erkennen. Es fehlten ihr ein paar Prozent, es war ihr nicht fehlerfrei genug gewesen. Auf ihrem Radar hatte sie vor allem die wenigen Momente festgehalten, in denen das Pferd die bekannten ungewünschten Verhaltensweisen zeigte. Die Reiterin war zwar zufrieden, aber von der reinen Freude waren ihre Empfindungen noch ein gutes Stückchen entfernt. Dass diese Kombination noch vor einigen Monaten an einen solchen Ritt im Traum nicht gedacht hätte, war in diesem Moment nicht präsent. Der Gedanke „Es hätte noch besser sein können“ war es stattdessen.

 
 

Nun stellt sich nicht die Frage, welcher Gedanke richtig oder falsch ist. Schließlich gibt es so gesehen keine falschen Gedanken, höchstens konstruktive und weniger konstruktive. Was die Stute in dieser Einheit als bestärkend empfunden hätte, wäre eine aufrichtige Anerkennung ihrer Bemühungen gewesen. Eine Wertschätzung der Tatsache, dass sie an der gemeinsamen Entwicklung so gut sie kann mitgearbeitet hat, hätte vielleicht eine gemeinsame Grenze verschieben können und eine neue Tür geöffnet. Stattdessen fühlte sie, dass in ihre Reiterin sie lobte, weil ich sagte, sie solle sie loben. Sie spürte, dass es noch nicht von ganzem Herzen kam. Sie spürte, dass sie noch besser hätte sein können und zog sich daraufhin wieder ein Stückchen in sich zurück.

Bestärken statt schwächen – Verantwortungsvoll handeln

Bei einem Partner, der sich entgegen seiner Gewohnheiten, plötzlich zugewandt und engagiert zeigt, hat eine gute Veränderung stattgefunden, die willkommen geheißen werden sollte. In diesen Momenten den Haken zu suchen, ist riskant, denn es kann die Entwicklung schnurstracks wieder rückgängig machen. Im weiteren Trainingsverlauf wird es dann leider doch nicht diese gute Veränderung sein, auf die man sich berufen kann, sondern die alte, unerwünschte Gewohnheit, die die Pferd-Reiter-Kombination weiterhin permanent von der unbeschwerten Zukunft abhält.

So kommen wir doch immer wieder zu der Erkenntnis, dass Lebensfreude vom Bewusstsein abhängt. Wer in den kleinen Portionen, in den Umwegen, in den Pausen die Freude finden kann und sie nicht allein in der Erfüllung am Ende des Weges sucht, hat mehr vom Leben und gibt mehr im Leben. Menschen, die ohnehin fokussiert durchs Leben gehen, verlieren ihr Ziel sowieso nicht aus den Augen. Ihre Aufgabe ist es zuweilen eher, auch den Moment auf dem Weg dahin wertzuschätzen und nicht zwischen den Gedanken „In der Vergangenheit war es nicht gut genug“ und „In der Zukunft muss es noch besser sein“ hin und herzuspringen. Vor allem gilt es zu vermeiden, den Partner Pferd mit diesen Gedankensprüngen zu verwirren, denn dieser ist bekanntlich immer im Hier und Jetzt.

Ob man die Lebensfreude nun sogar auf der Überholspur findet oder ob man anderswo nach ihr schaut und das Leben auf der Überholspur irgendwann vielleicht gar nicht mehr nötig hat, entscheidet jeder für sich. Ich wünsche Euch eine kleine Freude an jedem Tag. Eine kleine Freude, die Ihr an Eure Oberfläche holt. Eine kleine Freude, die Ihr Euch merkt und die Ihr teilt.

Alles Liebe, Janna

„Find out where joy resides, and give it a voice far beyond singing. For to miss the joy is to miss all.“
(Robert Louis Balfour Stevenson, schottischer Schriftsteller, 1850-1894)

 
Bildrechte: Svenja Kock

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