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J eder kennt es: Ein Pferd, was uns bei Berührungen ausweicht, so tut, als würde es sie gar nicht wahrnehmen, oder im Zweifelsfall gerne auch um sich schnappt. Es wird mit dem Kopf oder dem Schweif geschlagen, um zu zeigen: „Lass‘ mich bitte in Ruhe.“ Ganz anders als bei zugewandten Pferden, wird hier die Interaktion von Seiten des Pferdes geblockt. Ich nenne sie die „Keep-distance-horses“ – diejenigen, die schlicht und ergreifend noch nicht so weit sind, die Nähe zu uns ohne internen Stress ertragen zu können. Meine Empfehlung, sich bei solchen Fällen ein wenig zurückzuziehen, wurzelt nicht darin, die Lage für den Menschen, den „Berührer“, sicherer zu machen, sondern darin, die Lage für den „Zu-Berührenden“ zu entspannen. Wer sich selbst und seine Wünsche zurücknehmen kann, ermöglicht es anderen, ihre Wünsche zu zeigen.

Pferde, Menschen oder jedes andere Wesen, das auf transparente Art und Weise, sprich durch klare Unmutsäußerungen, deutlich macht, dass es der Nähe zu uns momentan nichts abgewinnen kann, hat es verdient in Ruhe gelassen zu werden. Wenn wir mal ehrlich sind, hat das Pferd uns bereits vor dem Schnappen, Beißen, Schlagen angezeigt, dass seine Individualgrenzen erreicht sind. Vielleicht haben wir nur nicht gut genug beobachtet, sodass es sein Anliegen tatsächlich mit Verteidigungsmechanismen unterstreichen musste. Oder aber wir waren der törichten Überzeugung, diese Grenzen seien unberechtigt. Sie sind mehr als berechtigt. Sobald ein Pferd sich verteidigen muss, sind wir zu weit gegangen. Möchten wir ein harmonisches Miteinander, liegt es an uns, dem Wesen verständlich zu machen, dass wir geduldig warten, bis es selbst entsprechende innere Ruhe entwickeln konnte. Diese passive Handlung des Rückzugs ist häufig ein weitaus ehrlicherer, erfolgreicherer Türöffner, als die „Ich-tatsche-weiter-an-dir-rum-bis-du-es-irgendwann-erträgst-Methode“. Setzten wir unser übergriffiges, Nähe einforderndes Handeln fort, setzten wir damit alle bisherigen kleinen Erfolge auf dem gemeinsamen Weg aufs Spiel.

Es ist, wie es ist

Natürlich ist es manchmal hart zu erkennen, dass jemand Geliebtes ablehnend ist. Anstatt aktiv gegen die berechtigte Ablehnung vorzugehen, könnten wir untersuchen, was in uns passiert, wenn wir mit ihr konfrontiert werden. Viele von uns haben noch nicht gelernt, achtsam mit einem Ausweichen, Abblocken oder Ablehnen der Nähe zu uns, umzugehen. Nur allzu häufig können wir es nicht als eine sehr wichtige Fähigkeit, sich abzugrenzen, werten, sondern nehmen es persönlich und fühlen uns verletzt. Es scheint, als sei die Verbindung zu dem anderen Wesen in Gefahr, sprich unsere Angst vor der Einsamkeit setzt ein. Wer wirklich an die Verbindung glauben würde, könnte die Ablehnung akzeptieren, wie sie ist, lernen mit ihr umzugehen und sie als eine Erfahrung schätzen. Dem Gegenüber Zeit und Raum zu geben, ist übrigens einfacher als es sich anhört. Tut man es nicht, verwehrt man ihm die positive Lernerfahrung, dass es sich bei uns selbst tatsächlich um einen loyalen, verständnisvollen, geduldigen Partner handelt.

Durch deine Augen

Wenn wir es schaffen, uns selbst in unserem Gegenüber zu erkennen, können wir neue Wege des Handelns entwickeln. Häufig würden wir uns selbst gegenüber anders handeln, als anderen gegenüber. Versetzen wir uns in die Lage des Pferdes, des Menschen oder schlichtweg des anderen Wesens, fallen uns vielleicht Beweggründe für sein Handeln ein. Wir können mithilfe unserer Empathie und unseres offenen Geistes erkennen, dass es uns vielleicht auch schon einmal so ging. Vielleicht gab es auch in unserem Leben Momente, in denen wir in Ruhe gelassen werden wollten und für eigene Freiräume ein Vermögen gegeben hätten. Jede Form übergriffigen Handelns hätten wir als störend empfunden und uns innerlich weiter von dem „Störer“ entfernt. Ob der „Störer“ nur ein liebevoller „Berührer“ hatte sein wollen, fiel für uns vielleicht gar nicht ins Gewicht, denn die eigene Selbstfürsorge wog weitaus mehr. Aus dieser Perspektive betrachtet, kann es uns leichter fallen, ein sich selbst schützendes, wehrhaft wirkendes Wesen besser zu verstehen.

Atemluft


Erkennen wir, dass der Gegenüber gerade keine Nähe möchte, liegt es in unserer Verantwortung, achtsam damit umzugehen, auch wenn uns selbst gerade nach Nähe zumute wäre. Diese Balance von Nähe und Freiraum in dynamischen Beziehungsstrukturen „Pferd-Mensch“, „Mensch-Mensch“ oder grundsätzlich „Mensch-Tier“ zu erarbeiten, ist eine Meisterleistung. Es beinhaltet ein großes Maß an Empathie und Respekt von beiden Seiten. Wenn wir uns also Entsprechendes von unseren Pferden wünschen, sollten wir es ihnen im gemeinsamen Umgang vorleben. So können beide Seiten unabhängig voneinander die eigenen Fähigkeiten ausbauen. Unabhängigkeit ist in diesem Fall nicht gleichzusetzen mit Trennung, sondern mit Achtung der Bedürfnisse des Anderen. Nähelosigkeit für den Moment heißt nicht Nähelosigkeit für immer. Es heißt: „Ich hab verstanden, dass mein Bedürfnis nach Nähe dir gerade nicht hilft. Also stelle ich es für den Moment zurück und gebe dir Zeit für dich alleine, Raum für Entwicklung, Luft zum Atmen.“ So etwas schätzen Pferde in meinen Augen übrigens bedeutend mehr, als ein Möhrchen.

Freiräume geben – Verantwortung abgeben


Zeit und Raum für sich selbst zu beanspruchen, ist in meinen Augen das Recht eines jeden Lebewesens. Es ist in meinen Augen etwas, wofür man sich auch als Mensch keinesfalls entschuldigen muss. Wer sich Freiräume für seine eigene Entwicklung erbittet, fällt damit eine weise Entscheidung. Denn er fühlt, dass er anderenfalls nicht ausreichend für sich und andere da sein kann. Noch dazu bedeutet die Tatsache, dass jemand oder etwas sich Zeit und Raum erbittet, nicht, dass dieses Erbitten leicht fällt. Gerade jene unter uns, die dem sogenannten „Helfersyndrom“ verfallen sind, beschäftigen sich nur allzu gerne mit dem Leben anderer, obwohl es bereits ein Full-Time-Job wäre, das eigene 100%ig zu erleben. Das Selbstfürsorge-Kapitel im Selbstentwicklungsbuch solcher Menschen ist manchmal richtig harter Tobak. Umso mehr sollten wir es schätzen, wenn wir mit einem Pferd konfrontiert sind, welches nicht sofort „Ja!“ zu allem sagt, sondern uns lehrt, bei sich zu bleiben und abzuwägen, ob die Interaktion mit anderen oder für andere uns eigentlich gut tut.


Vielleicht ist der Gedanke, dass lustigerweise die Menschheit seit ewigen Zeiten eben jene selben Gedanken zu Nähe und Distanz in ihren Köpfen hin und her wälzt, ein Trost. Die gedankliche Spirale um die Berechtigung von persönlichen Freiräumen und das eigene Bedürfnis nach Nähe ist nicht neu. Umso deutlicher wird es allerdings, dass wir einen Ausweg aus unserem Gedankenkarusell finden sollten. Wer seinen Geist zur Ruhe bringen und seine ganz eigenen Bedürfnisse definieren kann, kann, statt sich dem Feuerwerk im Kopf hinzugeben, zur Tat schreiten. Zu Taten, die anderen gegenüber achtsam und liebevoll sind, zu Taten, die nicht vom eigenen Nähe einfordernden Ego angetrieben werden. Ich wünsche Euch genug Freiräume für Eure Entwicklung, liebevolle, Freiräume schenkende Wesen um Euch herum und die Großzügigkeit, anderen ihre Freiräume gewähren zu können.

Alles Liebe, Janna

„Distance doesn’t ruin a relationship. Doubts do.“

 
Bildrechte: Andreas Thomsen

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