Führen und führen lassen – Was uns der Tanz über die Reiterei lehrt
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E benso wie die Reitkunst hat auch die Tanzkunst tausende Gesichter. Spannenderweise gibt es einige grundlegende Erkenntnisse, die wir Menschen beim Tanzen gewinnen und auf das Reiten übertragen können. Schließlich befasst sich beides mit der harmonischen Interaktionen zweier Wesen in Bewegung. In beiden Fällen geht es um körperliche sowie geistige Verbundenheit, um gemeinsam den Moment zu genießen. Ein Tanz, der dies im Speziellen auslebt ist Kizomba! Dieser Paartanz hat seine Wurzeln in Angola, auf den Kapverdischen Inseln und wurde ebenfalls durch die portugiesische Kultur geprägt. Die traditionelle Kizomba-Musik ist gleichermaßen beschwingt wie sinnlich, eben ähnlich wie ein guter Ritt.

Wie all diejenigen von uns, die hören können, sicherlich bereits einmal erfahren durften, ist Musik kraftvoll. Sie hat die Kraft, uns in Bewegung zu setzen, körperlich wie geistig. Sie kann uns zurückführen zu zurückgehaltener Energie, zu zurückgehaltenen Emotionen, sie kann uns beleben. Im Kizomba regiert die Musik die Tanzenden. Der Herr macht mittels seiner sanften Führung einen Vorschlag zur Bewegung, den die Dame interpretiert und in ihrem Körper ausdrückt. Ja, es geht um Führen und führen lassen. Wer nicht führen kann, lässt die Dame mit offenen Fragen zurück. Wer sich nicht führen lassen kann, nimmt dem Tanz den gemeinsamen Ausdruck. Ganz genau so wie in der Reiterei ist Bent Branderups Zitat auch auf den Tanz übertragbar: „Zwei Geister müssen wollen, was zwei Körper können.“

Losgelassenheit im Körper wie im Geist

Kizomba hat für mich ebenso wie die Reiterei sehr viel zu tun mit Hergabe. Mit dem Aufgeben meiner Ängste, mit dem Zulassen von Einflussnahme durch die Musik und den Herren, mit Vertrauen in großem Maße. In beiden Fällen ist der Grad, bis zu dem beide Parteien sich aufeinander einlassen können, entscheidend für die Tiefe der Kommunikation. Wer den Begriff „Kizomba“ googelt, mag auf Ergebnisse stoßen, die möglicherweise als anstößig empfunden werden. Die sinnliche Verbundenheit von Mann und Frau im Tanz wie es in der traditionellen Kizomba der Fall ist, wird in modernen Formen zum Teil überspitzt und sexualisiert. Dabei ist Kizomba viel mehr als ein knappes Outfit oder eine platte Anmache. Kizomba ist Liebe, Offenheit und Sanftmut. Nichts anderes als Liebe, Offenheit und Sanftmut ebnet ebenso den Weg zu reiterlicher Meisterschaft.

Deine künstlerische Freiheit

Ja, es geht um das Eins-Sein, es geht um die Aufgabe der Trennung. Worum sonst geht es beim Reiten? Wenn wir mal ehrlich sind, geistert in vielen Reiterköpfen das Bild eines Zentauren herum. Das Verschmelzen zweier Körper, das Zur-Verfügung-stellen von Kräften, um gemeinsam stärker zu sein, um eine Form des gemeinsamen Ausdrucks zu finden. Dies gelingt, wenn Energie fließen kann, in beiden Körpern und in rücksichtsvoller Wechselwirkung. Beim Reiten entscheidet die reiterliche Fähigkeit, das Pferd mit der eigenen Last und Beweglichkeit nicht zu limitieren darüber, ob ein störungsfreier gemeinsamer Bewegungsfluss entstehen kann. Wenn dieser erreicht ist, schreibt die Kunst nicht vor, wie zu Reiten ist. Sie ist wertfrei. In welcher Form wir die gemeinsame Bewegung genießen, ist uns überlassen. Wichtig ist allein, dass wir als Reiterpaar oder Tanzpaar den gegenüber in vollem Maße schätzen.

Never stop swinging


Dies ist am leichtesten, wenn wir ganz bei uns in unserer eigenen Mitte bleiben. Von dort aus können wir uns selbst und dem anderen größtmöglichen Spielraum geben. Dieser Zustand ist dennoch fragil und es bedarf einiger Übung, lange darin verweilen zu können. Denn schon das kleinste Ungleichgewicht oder die kleinste Verzögerung kann ein Tanzpaar ins Wanken bringen. Dies jedoch nicht als Fehler, sondern als Erfahrung zu werten und trotzdessen im Flow der Musik zu bleiben, ermöglicht uns den Genuss. Beim Reiten geschieht dies, wenn wir den Bewegungen des Pferdes folgen, als wären es unsere eigenen. Es geschieht, wenn wir reiten, als wären wir des Pferdes zweite Haut. In diesen Momenten fühlen wir uns als Reiter, ganz unabhängig davon, wie weit unsere Technik der Hilfengebung bereits ausgeschult ist. Diese Momente können jederzeit entstehen und zwar immer dann, wenn wir uns einander hergeben.

 
 

Erlebe den Moment

Ob wir uns nun an der Seite eines Tänzers oder auf dem Rücken eines Pferdes wohler fühlen: In beiden Fällen lohnt es sich, einmal die Perspektive zu wechseln. Es lohnt sich, zu lernen, vom Führenden zum EQUInspiration Geführten und vom Geführten zum Führenden zu werden. Wer es beherrscht, in diesem Wechselspiel das Gefühl für sich zu behalten, kann es beherrschen, dabei auch das Gefühl für den anderen zu behalten. Und dann entsteht harmonische, bewegte Interaktion. Dann entsteht ein Gefühl, das süchtig macht. Aus diesem Grund, nutze ich die Kombination von praktischer Reitersitzschulung, Körperbewusstseinsschulung und Tanz in meiner Arbeit unheimlich gerne und habe damit bisher bei meinen Reitschülern spannende Erfolge erzielen können. Ich kann jeden nur dazu einladen, sich einen Abend lang in die Welt des Kizomba-Tanzens zu begeben und sich auf die Suche nach Erfahrungen zu machen. Ein dazu passendes Seminar gebe ich am 06.11.2016. Drei Stunden lang widmen wir uns an diesem Tag mit Hilfe der Pferde und der Kizomba-Tänzer des Kieler Kizomba-Vereins dem Thema „Der Sitz als primäre Hilfe“. Ich freue mich auf Eure Anmeldungen!

Auf dem folgenden Video ist eine kleine Sequenz meines diesjährigen Geburtstagstanzes zu sehen. Die Musik ist in diesem Fall sehr beschwingt und fröhlich, wie es der Anlass gebot. Es ist nur eine kleine Facette des Kizomba, aber dient allemal, um einen Eindruck zu bekommen. In dieser Situation wurden Judith und ich als die Geburtstagskinder in den Mittelpunkt des Kreises aller Tänzer gestellt und abwechselnd betanzt. Wie ich finde, eine unheimlich schöne Geburtstagsgeste. Wer mehr über das Kizomba tanzen in meiner Heimatstadt Kiel erfahren möchte, findet hier den Kontakt zum Verein. Und wie immer gilt – ob nun beim Reiten oder Tanzen – hab Spaß, lass los, komm in Kontakt!

Ich wünsche Euch einen durchweg beschwingten Tag!

Alles Liebe, Janna

 

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