Der Tag X – Abschied vom eigenen Pferd
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Mit Mut und Vertrauen Grenzen überwinden
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Ein Jeder kennt es. Dieses unbehagliche Gefühl, wenn man einer neuen Gruppe verschworener Menschen gegenüber steht mit dem Wunsch, irgendwann dazu zu gehören. Ob als Kind nach dem Umzug in eine neue Stadt, als Erwachsener an einem neuen Arbeitsplatz oder im Freundeskreis des neuen Partners. Dieses unangenehme Gefühl multipliziert sich umso mehr, wenn man den Platz eines anderen einnimmt, der die Position aus welchen Gründen auch immer verließ.

Denn die Rolle scheint nach wie vor besetzt. Besetzt von Erinnerungen, die die Menschen an den Vorgänger möglicherweise haben. Schon mal daran gedacht, dass es unseren Tieren ähnlich gehen könnte? Vielleicht scheint der Gedanke ein wenig abstrakt. Dennoch erlebe ich es als Reitausbilderin immer wieder, dass Reiter nach dem Kauf eines neuen Pferdes nur allzu gern dazu tendieren, Vergleiche zu ihren bisherigen Pferden zu ziehen. Schließlich hat nicht zuletzt auch die Ähnlichkeit mit dem Vorgänger oftmals zur Kaufentscheidung beigetragen.

Das innere Bild des häufig „ersten eigenen Pferdes“ setzt Maßstäbe. Gleiches gilt für alle anderen Arten von Beziehungen, die wir führen. Die unvergessene „erste große Liebe“ prägte uns meist besonders stark. Doch seien wir mal ehrlich: Ist das fair? Haben wir nicht damals beim ersten eigenen Pferd, sprich unserer ersten großen Pferdeliebe auch ganz unbefangen und intuitiv gehandelt? Haben wir es dem Tier nicht erlaubt, Einfluss auf uns und unsere Entwicklung zu nehmen? Und war es nicht vielleicht sogar nur dadurch möglich, dass wir bis zum Schluss einen so schönen gemeinsamen Weg gingen?

Du und Ich – gemeinsam statt einsam

In der Reitkunst geht es darum, die geistigen und physischen Fähigkeiten von Mensch UND Tier auszubauen. Es geht darum, Talente zu entdecken und einander zu lehren, diese einzusetzen. Es wäre unsagbar schade, diese spannende Reise dadurch zu riskieren, dass man emotional noch besetzt ist von dem, was uns mit einem anderen Pferd verband. Ob willentlich oder nicht gibt man dem neuen Partner Pferd das Gefühl, nicht gleichwertig zu sein. Insbesondere in jenen Fällen, in denen ein junges Pferd ein altes Pferd ablöst, ist diese Gefahr groß.

Nicht selten kommt es vor, dass das Nachwuchspferd sich als schwieriger oder sagen wir lieber empfindsamer entpuppt. Diese Tatsache ist oft darin begründet, dass WIR durch die Lehrjahre mit unserem bisherigen Pferd empfindsamer wurden. Was für eine schöne Entwicklung! Sie verleiht uns allerdings auch die Verantwortung, mit dieser Sensibilität entsprechend achtsam umzugehen. Was alles so leicht und ohne Aufwand mit dem „Alten“ zu funktionieren schien, war auch das Resultat jahrelanger Zusammenarbeit.

In meinem Fall folgte auf eine alte, in sich ruhende, auf mich mütterlich wirkende Stute ein vor Kraft nur so strotzender, sehr spät gelegter Wallach. Zwei Pferde also, wie sich unterschiedlicher kaum sein könnten. Mein Talibur aus der schützenden Hand ist zwar reiterlich bereits weit ausgebildet, aber wir beide können noch nicht auf einen langen gemeinsamen Weg zurückblicken. Dies bedeutet, dass dieses unbeschreibliche Gefühl, sich blind zu verstehen, bisher gelegentlich eintritt, aber noch nicht die Regel ist. Umso größer ist meine Freude über die neue Herausforderung, die mein Nachwuchspferd mir stellt. Ich wünsche jedem Pferdebesitzer ausreichend Verständnis und Geduld für den „Neuen“.

„The only way to make sense out of change is to plunge into it, move with it and join the dance.“
(Alan Watts)

Fotorechte: Niels Stappenbeck

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