Hallo, ich bin der Neue!
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Inventur mal anders
12. März 2015
 

Ich will ehrlich sein. Bezogen auf die große Masse an Reitern gab es, seitdem ich mich entsinnen kann, nur wenige Pferd-Mensch-Verbindungen, die mich tatsächlich berührten. Es gab noch weniger, deren Arbeit mich so inspirierte, dass ich gewillt war, alte Muster in meiner Arbeit zu brechen und mich auf neue Wege zu trauen. Die von ihnen ausgelöste Inspiration in meinen Gedanken war größer und brachte mich dazu, für mich und meine Arbeit mit Pferden einem neuen Ideal nachzustreben.

Denn die Rolle scheint nach wie vor besetzt. Besetzt von Erinnerungen, die die Menschen an den Vorgänger möglicherweise haben. Schon mal daran gedacht, dass es unseren Tieren ähnlich gehen könnte? Vielleicht scheint der Gedanke ein wenig abstrakt. Dennoch erlebe ich es als Reitausbilderin immer wieder, dass Reiter nach dem Kauf eines neuen Pferdes nur allzu gern dazu tendieren, Vergleiche zu ihren bisherigen Pferden zu ziehen. Schließlich hat nicht zuletzt auch die Ähnlichkeit mit dem Vorgänger oftmals zur Kaufentscheidung beigetragen.

Marius und Warengo sah ich stundenlang bei der gemeinsamen Arbeit zu und an diesem Paar verstand ich eins: Was zuhause in minutiöser Kleinstarbeit geübt wird, findet irgendwann seine Anwendung. Manchmal dann, wenn man es gar nicht erwartet. In diesen Momenten werden Grenzen erweitert, Stolz auf die gemeinsame Arbeit kommt auf, Pferd und Ausbilder werden zusammengeschweißt. Als würden zwei Hälften eines gemeinsamen Ganzen immer vollkommener.

Auf dem Prüfstein

Ich werde nicht vergessen, wie Warengo für den erkrankten Orfeu einsprang, als vor wenigen Jahren in Bückeburg mit einem großartigen Umzug aus Schauspielern, Musikern und Reitereskorte der Einzug des Fürsten in die Stadt gefeiert wurde. Warengo, der sich von Praktikanten nicht einmal an bestimmten Stellen gerne anbinden ließ, oder, wenn er anderer Meinung war, auf dem Absatz umkehrte, um mit lautem Hufgetrappel wieder in seine Box zurückzukehren, brillierte in dieser Situation durch 100%ige Konzentration auf sein menschliches Gegenstück

Kraft und Geschmeidigkeit, die er durch die Handarbeit erlernt hatte, waren den beiden nun von Nutzen. Das Pferd, das zuhause so gut wie ausschließlich an der Hand trainiert wurde, entschied sich von allein für die Piaffe unter dem Reiter, um mit der unruhigen Situation umgehen zu können. Als schien er endlich einmal zeigen zu wollen, wozu ihn sein Ausbilder befähigt hatte, zeigte er anschließend in dem kleinen Reithaus der Fürstlichen Hofreitschule Bückeburg während der Reitkunstvorführung die Waffengänge unter dem Reiter mit einer Wendigkeit, wie man sie von einem solchen Warmblut bei weitem nicht erwartet hätte. Von da an wussten wir: Mit Warengo kann man raus in die Welt gehen.

„Die Magie der emotionalen Berührung suchen“ (Marius Schneider)

Im Jahr 2011 nahmen wir Warengo zum ersten Mal mit auf die Messe „Hund & Pferd“ in Dortmund. Dort die Handarbeit im Sinne der akademischen Reitkunst zu zeigen, war etwas ganz Neues. Dementsprechend waren auch der Zuspruch und das Verständnis noch weniger stark als in den Folgejahren. 2012 und 2013 unterstützten wir dann die Präsentation nicht nur mit Musik, sondern auch mit einer Moderation und bemerkten dadurch, dass dieses vergleichsweise seltene Bild durchaus einiger Erklärungen bedurfte, um bei den Zuschauern tatsächliches Verständnis für diese Art der Arbeit zu wecken. Viele konnten mit einem steigenden Pferd mehr anfangen, als mit einem, welches nach jahrelangem Training reelle Hankenbiegung und damit verbundene Lastaufnahme zeigte.

Von einer Notlösung, über ein Experiment bis hin zum Instrument, ein Meisterpferd aus ihm zu machen, wurde an Warengos Beispiel die Sinnhaftigkeit der Handarbeit in den Köpfen hunderter Menschen platziert. Dabei war es nicht einen Moment von Bedeutung, ob das Exterieur des Pferdes rein objektiv irgendwelche Mängel aufwies, Marius arbeitete einfach. Wie immer ließ er sich von der Tatsache, nicht das von Natur aus talentierteste Pferd auf der Welt an der Hand zu haben, nicht entmutigen. Über ein Jahrzehnt war die Handarbeit das Steckenpferd dieser Pferd-Mensch-Kombi und das mit Recht.

Forever times two

Mit Warengo bekam „sein“ Mensch die Chance, sich auf neuem Terrain fortzubilden und mit „seinem“ Menschen bekam Warengo die Chance, zu seinem vollem Potenzial vorzudringen. Warengos Tod ist ein wahrer Verlust und doch kann ich mir kein Pferd vorstellen, welches zu Lebzeiten mehr vollbracht hat: Warengo hat bewiesen, dass Grenzen keinen Bestand haben, wenn man von der sinnvollen Zusammenarbeit im Hier und Jetzt schlichtweg nicht abweicht.

Fotorechte: Nadine Nover

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