Lespoire, Janna und die Liebe zum Berittpferd

Noch bevor meine Fingerspitzen Lespoire’s Fell berühren, kommt sie mir entgegen – diese aussagekräftige Energie. Es sprudelt mir eine Mischung aus Isolation, Verwirrung, Explosivität, Wärme und sooo vielen Fragen entgegen. Lespoire kann switchen, blitzschnell, von Moment zu Moment. Seine Zellen können spielerisch leicht das ganze Spektrum von hochwachsam zu völlig erschöpft bedienen. Das heißt einerseits, dass alles jederzeit möglich ist. Und dies ist typisch für ein so hochveranlagtes Dressurpferd. Es heißt andererseits, dass mit wenig Beständigkeit zu rechnen ist, solange das Pferd noch unausgebildet ist.

Wieso denn unausgebildet? Lespoire wird doch schon seit seiner Kindheit geritten! Er war doch schon tausende Male mit dem konfrontiert, was Menschen Reiterei nennen! Ja, das war er. Und das, was er davon hauptsächlich verinnerlicht hat, ist, dass es nicht zu seinem Besten war. Ich war nicht dabei und kann nur in die Waagschale werfen, was mir entgegenschlägt, wenn ich bei Les bin. Ich sehe ihn und in mir stellt sich die Frage, wie viel Ausbildung er als Jungpferd tatsächlich gebraucht hätte. Ich frage mich, wie gut sein Körpergefühl als Fohlen war, wie ausbalanciert er seine Beine geschwungen hat und wie viel Freude er an Bewegung hatte, bevor wir Menschen darin mitgemischt haben.


In seinem Fall wurde mitgemischt und zwar nicht zu knapp – mit Brachialität, mit unsinnigen Instrumenten und mit Ahnungslosigkeit über die Natur und Mechanik eines Reitpferdes.

Les‘ Körper hat mit einigen Befunden dafür bezahlt. Les‘ Geist hat Wege gefunden, damit umzugehen oder besser gesagt weit, weit wegzugehen. Manchmal ist er so für sich, als wäre er in einem anderen Universum. Meine Aufgabe ist es, ihm Pfade zu uns zurück vorzustellen, die für ihn keine Gefahr darstellen.


Dosis vs. Überdosis


Vielleicht ist das die Königsklasse eines Pferdeausbilders – zu erspüren, wieviel Einflussnahme durch die Reitkunst dem Individuum Pferd tatsächlich zu Gute kommt und ab wieviel Einflussnahme diese sich zerstörerisch auf Körper, Geist und Seele des Tieres auswirkt. Dass Lespoire’s Ausstrahlung diese Frage in mir jedes Mal auf’s Neue an die Oberfläche holt, jeweils noch bevor ich die Beritteinheit beginne, betrachte ich als ein hohes Gut. Ich bin meinem starken Freund Les dafür so dankbar. Denn er hilft mir damit, die Qualität meiner Arbeit zu sichern. Niemand, aber auch wirklich niemand außer ihm selbst, kann mir aufzeigen, ob meine Einflussnahme auf seinen Körper und seinen Geist für ihn hilfreich ist oder nicht.


Lespoire’s innerliche Abgeschiedenheit, der Schmerzreiz, den er in seinen Augen zu verstecken versucht und dann diese plötzlich aufkommende verwunderte Offenheit, wenn er spürt, dass mein Tun FÜR ihn gedacht ist und nicht gegen ihn – Das alles ist ein Mix, der meine volle Präsenz und meine volle Fähigkeit zu Analysieren, zu Filtern und didaktisch wertvoll zu Handeln, erfordert. Ohne in den letzten 15 Jahren kontinuierlich Ausbildung in der akademischen Reitkunst erhalten zu haben, wäre ich mit einem Berittpferd wie Lespoire ehrlich überfordert. Ich wäre ein weiterer Mensch, der seiner starken Natur und seinem großen Talent gegenüber schlechte Entscheidungen fällen würde.


Der Kontaktmoment als Ausbildungsziel


Nach einem halben Jahr vorbereitender Körperarbeit und Ausbildung am Boden habe ich in den letzten drei Wochen die gerittene Arbeit hinzugenommen. Wenn Ihr mich fragt, woran ich mit Lespoire während des Beritts arbeite, dann sage ich: „Ich arbeite während des Rittes nicht an Lektionen, ich arbeite an unserer Resonanz, an unserer Abstimmung. Wieder und wieder üben wir, den Kontaktmoment zu finden, ihn zu bewahren und wir trauen uns immer mehr, ihn als sicheren Hafen zu etablieren. So entstehen immer mehr Momente, in denen unsere Wirbelsäulen und die Zellen des umliegenden Gewebes die Strapazen der Vergangenheit vergessen können und sich auf eine positive Zukunft einschwingen können.“


Warum kommt ein Berittpferd wie Lespoire in mein Leben? Vielleicht, weil ich schon seit Jahren diese Zielsetzung im Umgang mit Pferden habe. Dabei ist es mir völlig egal, ob andere Menschen diese Herangehensweise nachvollziehen können oder nicht. Dies ist für mich nicht maßgeblich. Maßgeblich ist die nachhaltige Entwicklung des Pferdes. Denn ich weiß, dass es zahlreiche Pferde wie Lespoire gibt, für die weniger geduldige Wege nach zahlreichen halbgaren Erfahrungen mit dem Menschen, schlichtweg ausgeschlossen sind. Dazu möchte ich ein Zitat bringen, das ich im Jahr 2018 zu Papier brachte:


„Preserving connection is a skill that wants to be remembered by both parties. Losing connection, missing connection and needing to search for connection are important steps on the path to continous connection.“


Tja, und das kann dauern. Oder auch nicht. Wenn ein Pferd sich wie Lespoire einen Teil seines Herzens vehement beschützt hat, und es uns Menschen gelingt, mit diesem Teil in Kontakt zu treten, dann sind verblüffende Ausbildungsverläufe möglich.


Vom Unsinn zum Sinn


Es ist so spannend, zu bemerken, wofür unser aller Erfahrungen in der Vergangenheit gedacht waren. Hätte ich nicht selbst durch Reitunfälle mit Befunden in meinem Körper bezahlt, könnte ich Lespoire’s Schmerzen nicht nachempfinden. Hätte ich nicht selbst Zwang, Unfreiheit und Ignoranz gegenüber meiner Natur empfunden, könnte ich sein Abkapseln nicht verstehen. Und wären mir nicht selbst liebevolle Pfade zurück zu meiner Natur aufgezeigt worden, könnte ich sie Les nicht vorschlagen. Das alles hier ist ein großes Puzzle. Lasst uns friedlich und liebevoll gemeinsam puzzlen! Wer weiß, was für berührende Bilder für uns entstehen möchten…


In Liebe, Janna Dorothee Behrens

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