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Seit einiger Zeit denke ich darüber nach, diesen Artikel zu schreiben. Aktuelle Vorfälle in der weltweiten Kizombatanzszene bringen das Thema „Tanz & Sexualität“ auch in mir an die Oberfläche und veranlassen mich, mir die Zeit zu nehmen, meine persönlichen Erfahrungen als leidenschaftliche Tänzerin zu teilen. Welche positiven und welche grenzwertigen Erfahrungen habe ich beim Tanzen mit Männern gemacht? Worauf achte ich dadurch beim Tanzen, um keine unklaren Signale zu senden? Und woraus besteht für mich ein respektvoller Tanz?

Neben tausenden wunderschönen Tänzen, die allemal überwiegen, habe auch ich Tänze gehabt, in denen es meinem Tanzpartner nicht ums Tanzen ging. Es ging um Körperkontakt, um viel Körperkontakt, um unmissverständlich sexualisierten Körperkontakt. Ich wurde berührt an Stellen, an denen ich nur von meinem Partner berührt werden möchte. Ich wurde belästigt, festgehalten und bedrängt. Meine Sensibilität wurde übergangen und meine körperliche Unterlegenheit wurde ausgenutzt. Schlussendlich wurde meine Fähigkeit, mich angemessen abzugrenzen, aufs Übelste beleidigt. Natürlich, denn das ist es, worin ich nicht unterlegen bin. Wenn ich von Sensibilität spreche, meine ich damit nicht Weinerlichkeit. Ich meine Empfindsamkeit, die jeder Mensch in sich trägt und die für mein Verständnis zu unseren Höchsten Gütern zählt.

Enttäuscht, was nun?

Es dauerte nach solch ernüchternden Erfahrungen während des Tanzens seine Zeit, bis ich mich wieder so entfaltete, wie eingangs. Ich achtete anfangs stark auf das, was ich zum Tanzen anzog. Die meisten unschönen Erfahrungen sammelte ich an dem einzigen Abend, an dem ich im Hochsommer auf einem Tanzfestival in Hotpants zur Party erschien. Für mich schien es aufgrund des Wetters angemessen, gedeutet wurde es zum Teil deutlich anders. Mittlerweile störe ich mich an dem Verhalten auf psychosozialer Ebene ungeschulter Tänzer nicht mehr und ziehe zum Tanzen an, worauf ich Lust habe und doch hat es mir gezeigt, wie leicht ich oberflächliche Handlungen mir gegenüber befeuern könnte.

Meine Erkenntnis: Gierig sein, übergriffig sein, vereinnahmend sein, das alles ist menschlich. Ob es verwerflich ist? Ich weiß es nicht. Momentan denke ich, es ist ungeschult. Jemand der meint, er könne eine Frau an sich drücken, zum Takt der Musik sein Gemächt an ihr rubbeln und damit garantieren, dass sie ihm daraufhin auf alle Zeit verfallen sei, denkt in meinem Augen nicht ganz so weit. Wir Menschen sind so komplex. Jede Frau und jeder Mann ist wie ein eigenes Universum. Es darf ein wenig weiter gedacht werden, um diese zu ergründen.

Mein Dank geht raus an Sinan. Sinan ist Ehemann einer wundervollen Frau, Vater zweier ebenso wundervoller, erwachsener Kinder und einer der ersten Tänzer, die ich beim Kizomba Tanzen kennenlernte. Er ist für mich derjenige, der jede unangenehme Erfahrung, die ich beim Tanzen mit anderen Männern machte, irgendwie wieder heilte. Ich glaube nicht, dass er davon wusste. Darin lag wahrscheinlich der Sinn. Sinan ging es um das Tanzen. Es ging ihm darum, einen Weg zu finden, wie wir beide die Musik und unseren Kontakt in Ruhe genießen konnten. Diese Fähigkeit, ohne hinterhältige Intention und stattdessen reinen Herzens, in respektvoller Haltung, voller Humor und Leichtigkeit zu tanzen, ist etwas ganz Besonderes. Ich bin mir sicher, dass es viele Tänzer wie Sinan gibt und ich freue mich darauf sie kennenzulernen. Ihm gebührt jedoch mein ganz persönlicher Dank.  Ein Beispiel eines unserer spontanen Tänze voller Spaß und Stolpereien:

Als ich heute meinen Kizomba-Mentor Kwenda Lima aus Lissabon in einem Video (s.u.) über seine Sicht auf Sexualität und Missbrauch der Tanzkunst sprechen hörte, bekam ich eine Gänsehaut, denn ich erinnerte mich an das, was er mir im Mai 2017 bei unserem letzten Abschied eindringlich mit auf den Weg gab. „Please, please, my dear princess, take care of yourself first! Please, my dear princess, promise me to take care of yourself.“ Seine Worte rundeten ein Wochenende in Lissabon ab, an dem ich tanztherapeutisch von ihm und seinem großartigen Team begleitet worden war. Innerhalb dieses Wochenendes hatte ich verschiedenste Emotionen durchlebt und nein, ich war keiner Gehirnwäsche unterzogen worden. Ich hatte schlichtweg in der durch Kwenda angebotenen Lernumwelt zulassen können, dass alles, was in wir brodelte, zu Tage kommen durfte. Ich fühlte mich sicher. Sicher genug, um lauthals zu weinen. Sicher genug, um bei erfahrenen Frauen um Halt zu bitten. Sicher genug, um mich meinem damaligen Partner gegenüber abzugrenzen. Kwenda’s Worte und die derer, die mich an dem Wochenende begleitet hatten, hallten lange Zeit in mir nach und veranlassten mich, den Begriff „Selbstfürsorge“ noch einmal viel tiefer zu beleuchten. Ich hatte immer schon, seitdem ich denken konnte, für alle da sein und alle zusammenhalten wollen. Gelungen war es mir natürlich nie. Es war also an der Zeit, zu lernen, für mich da zu sein und mich, meine Werte, meine Visionen nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Diese Wende in meiner Selbstwahrnehmung machte mich stärker als gedacht und ich konnte seitdem mit deutlich mehr Klarheit auf die Geschehnisse in meiner Umwelt reagieren. 

Die Kraft der Sexualität

Tanz hat seit Jahrhunderten eine besonders berührende Auswirkung auf die Tänzer. Man kann sich im Tanz ausdrücken ohne Worte, die Bewegung lockert den Körper und den Geist und das Verspüren von Lebensfreude lässt nicht lange auf sich warten. Tänzer und Tänzerinnen strahlen daher in den Augen des Gegenübers nicht selten eine enorme Attraktivität aus. Es wundert mich daher überhaupt nicht, dass die Vorgehensweise, beim Feiern gehen im Club den Partner des Lebens kennenlernen zu wollen, sich bis heute stabil hält. Und ja, das kann klappen, zum Glück sogar. Ich bin zwar davon überzeugt, dass diejenigen Paare, die sich dabei kennen und lieben lernten, einander irgendwann irgendwo so oder so getroffen hätten, aber darum soll es hier nicht weiter gehen. Nur wie findet man nun heraus, ob das andere tanzende Wesen auf der Tanzfläche dort tanzt, weil es tanzen möchte oder weil es dringend heute Abend Sex haben möchte und dies für den schnellsten Weg zum Ziel hält? Darauf habe ich ehrlich gesagt keine Antwort, nur den Rat, dass man für sich in Ruhe prüft, was eigentlich die eigene Intention auf der Tanzfläche ist. Ein jeder darf sich fragen, an welchem Punkt für ihn oder sie freundschaftlicher Umgang in Sexualität wechselt. Die Beantwortung dieser Frage ist in meinen Augen Grundlage dafür, in dieser Hinsicht verantwortungsvoll mit sich selbst und mit Mitmenschen umgehen zu können. Denn: Sexualität ist etwas Wunderbares. Es hat verdient gefeiert zu werden und es hat nicht verdient, von von der Leine gelassenen Egos missbraucht zu werden. Kwenda drückt es folgendermaßen aus: „Sexuality is powerful, it’s a very powerful energy. But you need to be mature to understand that energy.“

 Sexualität in Bezug auf Lehrer- und Schülerrolle

In dem oben angesprochenen Video bezieht Kwenda Lima sich auf Situationen, in denen Tänzer oder auch Tanzlehrer ihre Position missbrauchen, um mit Frauen ohne den gebotenen Respekt umzugehen. In welcher Heftigkeit dies zum Teil stattfindet, kann ich nicht beurteilen und will ich auch nicht zum Thema dieses Artikels machen. Mir geht es darum, meine Sicht auf die menschlichen Interaktionen zu schildern. In gewisser Weise ist vielleicht die Rollenverteilung, die ein Lehrer-Schüler-Verhältnis mit sich bringt, einladend für Menschen die eine, in meinen Augen, ungesunde Vorstellung von Sexualität leben mögen. Per Definition ist eine Hierarchie vorgegeben, wenn es sich hier nicht um Lehrer handelt, die ihre Rolle mit Aufrichtigkeit und Demut wahrnehmen. Mir ist es in der Vergangenheit in all den drei Bereichen, die mir die liebsten sind, in der Reiterei, im Tanz und im Gesang passiert, dass meine Lehrer ihre Rolle missbrauchten, um sich mir unangemessen zu nähern. Ich spreche hier aus meiner persönlichen Wahrnehmung, aus welcher sonst. Mir ist in unterschiedlichen Situationen klar kommuniziert worden, dass es der Lehrkraft an einem bestimmten Punkt meiner Ausbildung nicht darum ging, mich zu fördern, sondern mich zu besitzen. Interessant. Das kann funktionieren. Mit mir nicht. Ich gehör nur mir und mir gehört niemand. Mein Partner gehört sich, meine Tiere gehören sich. Ja, wir entscheiden uns jeweils füreinander und das hat eine ganz andere Qualität.

In jenen Momenten habe ich die wundervolle Chance genutzt, mich aufs Deutlichste und dabei gleichermaßen adäquat auf persönlicher Ebene abzugrenzen. In einem Fall ist es gelungen, den Fokus danach wieder auf das gemeinsame Ausbildungsprojekt zu lenken. In den anderen Fällen habe ich Wege gefunden, meiner Passion mit anderen Mentoren oder Mentorinnen nachzugehen. In allen Fällen wurde deutlich, was es an Gesprächsführungskompetenz, Einfühlungsvermögen und gegenseitiger Achtung braucht, um langfristig zwischen Mann und Frau zusammenarbeiten zu können. Ich sehe es als etwas, was erlernt werden kann, wie alles andere im Leben auch. So muss Sexualität nicht mitmischen, wo sie nicht mitzumischen hat, sondern es kann miteinander schlichtweg kollegial umgegangen werden.

Achtsamkeit auf Vorurteile

Nicht selten neigen wir wie im normalen Leben auch auf der Tanzfläche dazu, einander einzuordnen, bewusst oder unbewusst. Es erinnert uns unser Gegenüber vielleicht an jemanden anders, schwups, steckt er oder sie in der gleichen gedanklichen Schublade und oft gibt es keine Chance auf Neuprüfung. Wie viel ist dran an dem Satz „Der erste Eindruck zählt.“? In meinen Augen wenig, wenn der Eindruck ein negativer war. Erst vor kurzem wurde mir folgender Satz entgegengebracht: „Boah, Janna, wir haben uns gestern noch über Dich unterhalten und waren uns einig, dass Du eigentlich nur scheiße sein kannst. Ist ja der Knaller, dass Du doch voll nett bist, wenn man Dich kennenlernt!“ Bingo! ‚Wenn man Dich kennenlernt‘ ist der entscheidende Relativsatz in diesem Zusammenhang. Ich bin es tatsächlich gewohnt, dass solche oder vergleichbare Aussagen immer mal wieder an mich herangetragen werde. Ich freue mich mittlerweile darüber, weil es mir zeigt, dass die Menschen an einem Kontakt interessiert sind und sich selbst grandios reflektieren können. Uns allen darf klar sein, dass wir möglicherweise provozieren, wenn wir uns selbst entfalten. wir tun dies nicht unbedingt absichtlich, sondern schlichtweg dadurch, dass wir, häufig ohne es zu wissen, in unserem Gegenüber etwas triggern, was ihn oder sie in die Enge mit sich selbst treibt. Mit der Erkenntnis nehme ich Sätze wie „Du bist schon wieder so ekelhaft glücklich.“ oder „Das ist ja widerlich, dass Du jetzt auch noch singen kannst.“ nicht mehr schwer. In mir weiß ich, dass jeder von uns unendlich viel Potenzial hat und, dass wir das Potenzial nicht ineinander wecken, wenn wir uns aus Gründen der gesellschaftlichen Angepasstheit zurückhalten. Auch nicht, wenn wir uns vielleicht bereits mit Themen befasst haben, die für andere Menschen konfrontativ sein können. Selbstentfaltung ist so ein Thema, Sexualität ist ein weiteres.

Tanz ist Kultur

Was im Tanz passieren kann, kann genauso gut in jedem anderen Zusammenhang passieren, in dem Menschen aufeinandertreffen. Es ist gerade einmal zwei Monate her, dass ich auf der Kieler Woche, einem der größten Volksfeste Deutschlands, im Beisein vieler anderer Menschen übelst begrapscht worden bin. Übergriffigkeit kann uns überall entgegengebracht werden. Deswegen müssen wir nicht die Tanzflächen dieser Welt meiden und uns in einem anderen Verein wohler fühlen. Den Unterschied macht in meinen Augen die Peergroup. Auf der Kieler Woche war ich mit Leggings und Jacke vollkommen bekleidet inmittein vieler Menschen, die nicht aufeinander achteten. Als ich begrapscht wurde, nahm niemand davon Notiz oder kam mir zu Hilfe. Zwei Wochen vorher feierte ich im Bikini auf einem Partyboot vor der Küste Mallorcas in einer Gruppe von 300 jungen Menschen, die alle voll in ihrer Kraft standen. Aufeinander wurde geachtet, der Umgang war kultiviert und niveauvoll. Es wäre sofort aufgefallen, hätte sich jemand irgendwie anzüglich verhalten oder daneben benommen. Um es mit Kwenda’s Worten aus dem Video zu sagen: „It’s about people. It’s about the way people are, their foundation, their structure.“

Frauen, das schwache Geschlecht?

Missbrauch hat Millionen Gesichter. Wenn ich hier von meiner Geschichte spreche, ist sie im Vergleich zu anderen kaum der Rede wert. Sie ist eben meine Geschichte, die einer leidenschaftlich gerne tanzenden Frau. Es gibt davon viel zu viele Beispiele und zwar bei beiden Geschlechtern. Noch vor ein paar Jahren drehte sich mir der Magen um, wenn ich miterlebte, auf welche perfide Art und Weise großartige Männer sich von ihren „Partnerinnen“ missbrauchen lassen. Frauen sind wie Männer in der Lage, ihren aktivierten Schmerzkörper, ihre Verzweiflung oder ihre Bedürftigkeit auf sehr unangenehme, teils subtile Art und Weise am anderen Geschlecht abzufeiern. Es wird sich herausgefordert und gebattled, es wird taktisch gehandelt und gerne auch eine Runde emotional erpresst. Heute weiß ich, dass so etwas die Energie fürs Wesentliche raubt. Und zwar für die Liebe, die Liebe zu sich selbst und zu anderen.

Liebe Leute, bitte tanzt, was das  Zeug hält! Tanzt alleine oder gemeinsam, tanzt zwei Minuten oder zwei Tage lang. Tanzt im Keller oder auf dem Dach! Tanzt einfach! Tanzt, weil das Leben dazu einlädt, sich gegenseitig kennen und respektieren zu lernen. Tanz hat nichts mit Machtspielchen zu tun. Tanz hat mit aufrichtiger, heilsamer Verbundenheit ohne Zwang zu tun. Genießt es!

In Liebe, Janna

 

 

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